Konzerte bedeuten Zuhören…
dem Künstler und mir selbst.
Sie sind vielschichtiges Erleben und Erkennen.
Ich folge meinem Vorsatz, mehr Konzerte zu besuchen und lande diesmal in einem kleinen, feinen Rahmen,
der mich an meine eigenen Konzerte erinnert.

Berlin – hin und wieder bist Du so wunderbar

Ein Tag in Berlin mit vielen Terminen. Zuerst einer in der Generaldirektion der Gema, danach mit Freunden zum Mittagessen die wir seit 3 Jahren nicht gesehen haben. Dann zum Büro der Brandenburgischen Sommerkonzerte für die mein Schatz einen VR Film gedreht hat und am Ende ein Konzert des Komponisten und Texters Rainer Bielfeldt in der Nicolaischen Buchhandlung mit seinem Vor-Premiere Konzert zu seinem neuen Album „Zwei Leben“. Einmal quer durch die Hauptstadt mit jeglicher Verkehrssituation. Prickelnd 😉

Alles was man tut gehört zum Lernen

Rainer Bieldfeldt. Den Namen lese ich zum ersten mal als ich die Ausschreibung der „Celler Schule“ mitmache. Da geht es um ein Stipendium für ein Texter Seminar. Ich hab es zwar bisher nicht geschafft, in die engere Auswahl, aber ich bewerbe mich jedes Jahr aufs Neue. Es ist eine gute Übung, Textaufgaben zu erfüllen. Ich wusste bis dato nicht, dass ich auf vorgegebene Melodien texten kann. Es ist wie musikalisches Gedankenpuzzeln. Rainer Bieldfeldt liefert dafür jedes Mal eine Melodie aus seinem Komponistenfundus, auf die es einen Text zu schreiben gilt. Silbengetreu und mit richtigen Betonungen bitte.

Chanson – what else…

Schon bei meiner ersten Teilnahme vor etwa 5 Jahren sind seine Melodien, die er mit Summen und Pianospur zur Vertextung bereitstellt die, die mich am meisten berühren. Klar! Chanson! Was sonst. Ist ja auch mein Ding. Auch wenn ich gerade mein Album erstmal mit Popmusik bestückt habe.

Im Kämmerlein entstehen gerade so viele neue Songs für das Chanson Album, welches nebenbei schon in Arbeit ist. Aber erstmal muss ich das durch ein paar viele Auftritte finanzieren. Und bis dahin bring ich sie nur live in meinen Konzerten.

Ein Album – ist viel mehr als nur ein Album

Jedenfalls ist mir der Name Rainer Bielfeldt ein Begriff. Und dann sehe ich irgendwann bei Facebook, dass er sein neues Album mit Hilfe einer Crowdfunding-Aktion produziert hat und abonniere seinen Newsletter, weil ich mir das natürlich gern anhören möchte. Ich selbst habe immer ein komisches Gefühl bei Crowdfundings und konnte mich bisher nicht dazu durchringen eins zu starten. Auch weil man dazu eine Fanbase braucht und wochenlang Extrempromotion betreiben muss. Davor hab ich einfach Respekt. Ich hab als selbstvermarktende Musikerin so schon jeden Tag einen Berg an Arbeit, der irgendwie nie kleiner wird. Auf jeden Fall steht in einem der Newsletter ein Konzerttermin für die Nicolaische – Berlins älteste – Buchhandlung. Ich mag ja so kleine Rahmen. Als Zuhörer aber auch wenn ich selbst auf der Bühne bin. Also plane ich für den Tag alles was in Berlin gerade so erledigt werden will und mein Schatz und ich machen uns auf den Weg.

CDs von Rainer Bielfeldt im Schaufenster der Nicoalischen Buchhandlung
Eine Buchhandlung ist nicht einfach nur eine Buchhandlung

Wir sind am Abend viel zu zeitig an der Buchhandlung in der Rheinstraße, was in Berlin im Berufsverkehr schon echt eine Leistung ist. Da ich gern Bücher anschaue, Papier berühre und in Texten stöbere, betrete ich schon mal den Laden während mein Schatz sich nebenan noch einen Eis-Kaffee gönnt.

Tritt ein und staune. Sooo schööön. Hell… freundlich… strahlen mir Bücher in weißen Regalen entgegen. Bis zu Decke reihen sich Schmöker an Schinken, sortiert und doch ohne strenge farbliche Ordnung (wie bei mir zu Hause 😉 ) aneinander und schaffen hier eine Oase aus Stille, in die man eintaucht, wenn man von der lauten Straße aus den Raum betritt. Ich bin also sozusagen im Bücherhimmel gelandet. Jetzt beim Schreiben stelle ich fest, dass ich ganz vergessen habe Fotos zu machen. Naja… ich wusste zu dem Zeitpunkt auch noch nicht, dass ich drüber schreiben möchte. Das hat sich im Laufe des Abends und im Zusammenspiel mit dem Konzert so ergeben. Weil´s einfach so schön und bereichernd war.

Früher waren Bücher meine Welt

Die Inhaberin Martina Tittel schaut mich erwartungsvoll an. Ich erklär nur kurz dass ich zum Konzert will, aber vorher noch ein bisschen stöbern möchte. Ganz ehrfürchtig laufe ich durch den Raum und frag mich, warum ich mir eigentlich so wenig Zeit zum Lesen nehme. Naja.. weil ich sie zum Musizieren und Musikerschaffen brauche. Als Kind habe ich mich stundenlang in Bücherwelten begeben. Sogar nachts mit der Taschenlampe unter der Bettdecke. Bille und Zottel, Hanni und Nanni, 3 lustige Gesellen… Ich hab gerade gar keine Ahnung von dem aktuellen Büchermarkt. Egal. Bücher sind magisch. Meine Favoriten sind allerdings momentan Notizbücher für meine eigenen Gedanken. Schade dass ich schon so viele zu Hause hab. Hier gibt es so schöne Exemplare. Nein ich verfalle in keinen Kaufrausch, genieße nur den Anblick und den der Accessoires drum herum. Bleistiftboxen, Schöne Stifte, Karten mit coolen Weisheiten, Geschenkpapier….

Warten auf den Künstler

Ich frage die Inhaberin ob sie hier öfter Konzerte veranstaltet. Sie meint, eigentlich nur Lesungen, manchmal mit Musikbegleitung. Das Konzert heute ist eine Ausnahme, weil sie den Künstler sehr gut kennt. Okay. Schade.

Irgendwann müssen wir das Geschäft verlassen, damit Platz für das Konzert geschaffen werden kann. Wenn man sich umschaut denkt man nicht, dass hier Platz wäre für einen Künstler samt Publikum, aber mit ein wenig Umräumung wird alles möglich. Wir sitzen also noch eine Weile draußen im Café und warten. Ich frage mich, wie viele Menschen wohl kommen werden. Wie bekannt ist Rainer Bielfeldt? In meiner Vorstellung ist er sehr bekannt. Also wer bei der Celler Schule als Songbeispiel herhalten darf, der muss berühmt sein.  Als sich dann so fünf Leute vor der Buchhandlung ansammeln, geselle ich mich dazu, denn ich möchte gern einen Platz ganz vorn. Ich sitze gern in der ersten Reihe. Da kann man am besten beobachten und eintauchen.

Perspektivwechsel

Der Künstler Rainer Bielfeldt beim Aufbauen seines PianosIch sitze also schon zeitig genug auf meinem Stuhl in der vordersten Reihe, beobachte den Künstler wie er aufbaut und denk mir: Aha, so ist das also, wenn man auf das Konzert wartet und Zeit hat, weil man einfach ein Gast ist. Ich beobachte ihn, wie er seine Technik aufbaut, wie er mit anderen redet, versuche zu analysieren wer er ist, registeriere wohlwollend, dass er total freundlich und liebevoll mit anderen umgeht. Er versucht die passende Sitzmöglichkeit ausfindig zu machen, damit er beim Klavierspielen bequem sitzt, stellt das Mikrofon ein und… Mist!!! Mikrofonkabel vergessen. Aaaajjjjj… kenn ich.. blödes Gefühl….. Mein Schatz springt auf  und meint, wir hätten da eins im Auto und läuft los. 2 Minuten vor Konzertbeginn kommt er total geschwitzt mit dem Kabel wieder und überreicht es Rainer Bielfeldt. Hihi.. schön wenn man helfen kann.

Aus dem Leben

Es geht los und beginnt mit ein paar Worten von Martina Tittel an das Publikum und den Künstler selbst. Rainer übernimmt dann mit sehr weicher und vorsichtiger, wertschätzender und erklärender Moderation und erzählt, wie dieses kleine Konzert hier entstanden ist und interessante Hintergründe zu seinem Album. Ja jetzt weiß ich was mein Publikum immer meint, wenn sie sagen es ist schön, wenn zwischen den Liedern auch Geschichten aus dem Leben und zu den Songs zum Tragen kommen, die ein wenig mehr erzählen als der Liedtext.

Ich könnt hier einen Abriss geben über das was gesagt und gesungen wurde, aber dafür darf und sollte man gern selbst ein Konzert von Rainer Bielfeldt besuchen.

Berührung auf nichtkörperlicher Ebene

Was ich nur kurz aufschreiben möchte ist, was mich besonders berührt hat. Erstens: dass es Musikermenschen gibt, die vieles ganz ähnlich fühlen und denken wie ich. Und die das unaufgesetzt und aus dem Herzen heraus in ihrer Musik und Moderation zum Ausdruck bringen. Mich hat berührt, dass er in seinen Liedern ganz deutlich die Themen der heutigen Zeit, vor allem die Probleme auf der politischen und gesellschaftlichen Ebene ansprich. Ohne den Zeigefinger zu heben, ohne es dermaßen zu dramatisieren, dass man sich bedrängt fühlt, sondern sie in Geschichten verpackt. Ich spüre Traurigkeit, die in mir aufsteigt, wenn ich höre wie er über einen Freund singt, der sich rechts orientiert und darüber, dass er und sein Partner Tiago diskriminiert werden weil sie homosexuell sind. Ich weine darüber, dass es überhaupt noch Diskriminierungen gibt und kann einfach nicht verstehen was Menschen dazu bewegt, so zu sein.

Authentisch und emotional

Rainer BIelfeldt am Piano mit der Hand am MikrofonMich berührt, dass er seine Gefühle besingt, dass er nichts vorgibt oder versucht zu sein, sondern einfach ist wie er ist. Manchmal auch ein „Schisser“ (Zitat von Rainer Bielfeldt selbst) – mein Lieblinsglied an dem Abend  ;-))

Vieles erinnert mich so sehr an mich. Viele seiner Gedanken sind Gedanken, die ich in ähnlicher Form mit mir herumtrage. Bei manchen Beziehungsthemen muss ich lachen, bei anderen Lebensthemen rinnen mir einfach nur die Tränen. Weil ich dankbar bin zu erkennen, dass ich selbst genau so sein darf. Dass es genau der richtige Weg ist, so zu sein und dass das was ich mache einfach gut ist wie es ist. Weil ich es so fühle.

 

Clara werden

Auch wenn das ein Artikel über das Konzert von Rainer Bielfeldt ist, ich komme beim Erinnern, beim Durchdenken und Fühlen all dessen was ich gehört und erlebt habe und beim Schreiben immer wieder auf mich bzw. zu mir zurück. Es ist alles Reflektion. In allem begegne ich mir selbst und hier ganz besonders und das macht mich so ergriffen. Es gibt ein paar Songs von mir, die haben ähnliche Themen, nur hat sie eben jeder mit seinen Worten beschrieben und mit seinen Melodien vertont. Ich mag übrigens Rainer Bielfeldts Melodien, die durch alle möglichen Harmonien wandern. Sogar mein Schatz hat die Handschrift seiner Musik wiedererkannt. Aus der Phase als ich in meiner Arbeit für die Celler Schule seine Songs vertextet habe. Und das will schon was heißen, denn meine Schatz ist überhaupt kein Musikmerker.

Wertschätzung und liebevolles Miteinander

Ich wollte eigentlich kein Album kaufen, denn (auch wenn es für uns Musiker nicht gut ist) ich höre Musik meistens über Spotify. Aber ich freu mich ja auch immer so sehr wenn Menschen meine CD kaufen. Und als Rainer Bielfeldt von der Arbeit an seinem Album erzählt, von dem Booklet und wie es entstanden ist, wächst das Bedürfnis es doch zu tun und mir auch ein Autogramm zu holen.

Rainer nimmt sich Zeit für jeden Gast und so kommen wir auch ins Gespräch. Es ist komisch, auf der anderen Seite zu stehen und dem Künstler sagen zu wollen was man gerade empfunden hat. Ich kann gar nicht so schnell die richtigen Wort finden. Ich bin irgendwie aufgeregt. Lach… Verdrehte Welt…. Rainer ist überaus liebevoll… mit seinem Publikum, seinem Partner, der Inhaberin, seinen Mitsreitern. Das muss ich nochmal wiederholen, denn das ist etwas, was mich auch sehr berührt.

Wir unterhalten uns auch mit Tiago, Rainers Mann, der ein paar Fragen an meinen Schatz hat. Tiago malt und will seine Bilder fotografieren. Und mein Schatz hat schon so einige Repro-Fotografien gemacht. Auch da gibt es schöne gemeinsame Gesprächsthemen die besonders liebevoll geführt werden.

Als Künstler Mensch bleiben

Die Inhaberin der Nicolaischen Buchhandlung bedankt sihc biem Künstler Reiner BielfeldtHach… ich bin einfach nur selig, wenn ich merke dass es in diesem Business mehr von unserer Sorte gibt, die nicht nur dem Mainstream und dem Social Media Wahn folgen, sondern dem Herzen und das auch nach außen tragen. Ein so wunderbarer Abschuss eines wundervollen Tages. Ich fahre selig nach Hause. Und das, ohne ein eigenes Konzert gegeben zu haben. Das ist selten… Lach…

Ist schon cool wenn ein Künstler so nahbar ist und das bestätigt mich wieder in unserem Konzept für unsere Galerie Bühne. Ein kleiner feiner intimer Rahmen, kein großes Backstage-Verschwinde-Procedere. Einfach miteinander sein. Austauschen und Musik erleben.

Ich liebe meine Arbeit und ich bin glücklich dass ich so langsam meinen ganz eigenen Weg finde. Nur Klavier üben… das sollte ich noch viel mehr. Uiii… das Klavierspiel von Rainer Bielfeldt ist einfach… ohne Worte… <3

Danke für diesen schönen Abend!